Quelle: smallcurio/Flickr (CC-BY 2.0)
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Publikationen

Geschichte der Desinfektion

Von Göttern und Giften

Krankheiten sind wohl älter als die Menschheit selbst. Früher galten zunächst erzürnte Götter, später Miasmen – giftige Ausdünstungen des Bodens – als Auslöser von Seuchen.

Der älteste indirekte Beleg für Viren in der Erdgeschichte ist rund 289 Millionen Jahre alt. In den seltsam verwachsenen Wirbeln eines eidechsenähnlichen Tiers, haben Forscher Zeichen einer Knochenkrankheit gefunden, die nach gängiger Annahme von viralen Erregern verursacht wird.

In Siedlungen, die vor rund 12.000 Jahren im Nordosten Afrikas angelegt wurden, lassen sich Hinweise auf eine damals grassierende Pockenerkrankung finden. Auch den Pharao Ramses V. (Regierungszeit etwa 1150 bis 1145 v. Chr.) rafften offenbar die Pocken dahin – dank der ägyptischen Mumifizierungskünste können Forscher seine Pockenpusteln bis heute untersuchen.

Papyri, die aus jener Zeit erhalten geblieben sind, geben einen spannenden Einblick in das medizinische Verständnis jener Zeit. So wurden innere Krankheiten ohne erkennbare Ursache meist übernatürlichen Quellen zugeschrieben oder als Werk erzürnter Götter betrachtet. Das Papyrus Smith listet magische Beschwörungen auf, die die Seuchen fernhalten sollen, die bei der jährlichen Nilschwemme auftreten. Anders bei äußeren Verletzungen und Wunden. Dort empfiehlt das Papyrus unter anderem Wundsalben, die Honig enthalten – dessen adhäsive, reinigende und leicht antibiotische Wirkung dürfte zur damaligen Zeit sehr nutzbringend gewesen sein.

Hippokrates: Begründer der Miasmentheorie

Hippokrates von Kos (460–377 v. Chr.) gilt als Begründer der Lehre von den Miasmen, den giftigen Ausdünstungen des Bodens, die mit der Luft fortgetragen werden und so zur Weiterverbreitung von Krankheiten beitragen. Insgesamt löste sich die Medizin im antiken Griechenland von der Vorstellung, Krankheit sei eine göttliche Strafe, und wurde stärker aus Perspektive der Wissenschaft betrachtet. Heiler jener Zeit waren weitgereiste, hoch angesehene Männer, die großen Wert auf Reinlichkeit legten.

Diese Wertschätzung wurde auch im antiken Rom sichtbar. Eine gute allgemeine Gesundheit und eine hohe Hygiene waren die Haupterfolge der römischen Medizin. Auch die Idee von lebenden Krankheitserregern tauchte im 1. Jahrhundert v. Chr. erstmals hier auf. Marcus Terentius Varro (geb. 116 v. Chr.) – kein Arzt, sondern Universalgelehrter – schrieb in seinem Werk Über die Landwirtschaft von kleinen unsichtbaren Geschöpfen, die in den Menschen durch die Atemwege und den Verdauungstrakt eindringen und dort Krankheiten verursachen.

Quelle: Wellcome Images (CC-BY-4.0)
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Um sich vor Miasmen zu schützen, kamen noch im 18. Jahrhundert solche silbernen Vinaigretten zum Einsatz. Sie enthielten kleine, in Essig getunkte Schwämmchen.

Noch im Mittelalter führte die Angst vor Miasmen zu quarantäneähnlichen Zuständen. Seuchen-Tote wurden außerhalb der Stadt verscharrt, ihr Hab und Gut verbrannt. Städte isolierten zu Pestzeiten alle Fremden in Quarantäne. Um sich vor den Ausdünstungen der Kranken zu schützen, trugen Pestärzte neben Handschuhen auch mit Kräutern und Flüssigkeiten ausgestattete schnabelähnliche Masken.

Krankheitsausbrüche und Pandemien ließen sich mit diesem Wissen in der Regel nicht wirksam eindämmen.

Die „Antoninische Pest“ (165/167 n.Chr.) wurde wahrscheinlich durch den Erreger der Pocken ausgelöst. Die Krankheit wurde von römischen Soldaten, die aus den Partherkriegen heimkehrten, von Mesopotamien bis nach Britannien verschleppt. Dieser damit globalen Krankheit fielen bis zu 30 % der Erkrankten zum Opfer, insgesamt 5 Millionen Menschen.

Quelle: Wellcome Images (CC-BY-4.0)
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Die Pest von Florenz 1348, wie sie in Boccaccios Dekameron beschrieben wird. Radierung von Luigi Sabatelli.

Der Schwarze Tod verbreitete sich zwischen 1346 und 1353 in weiten Teilen Europas. Einzelne Landstriche wurden zwar beispielsweise durch Quarantänemaßnahmen geschützt, trotzdem forderte die Pest geschätzte 25 Millionen Todesopfer – ein Drittel der damaligen Bevölkerung.

Die Russische Grippe breitete sich im Sommer 1889 von Zentralasien kommend zunächst in Russland und dann ganz Europa aus. Die Gegenmaßnahmen, die man zum Beispiel ergriff, um das Parlamentsgebäude von Westminster im Mai 1891 zu entseuchen, orientierten sich noch immer an der Idee der Miasmen: Scheuern der Böden mit Karbolseife, Räucherungen mit Schwefel und Campher und ausgiebigem Lüften. Sie waren allesamt wenig wirksam.