Digitalisierung

Digitalisierung im Dauerlauf

Ob Handydisplays, Speicherchips oder Leiterplatinen: Produkte aus der chemischen Industrie machen Digitalisierung erst möglich. Sie verändert aber das Selbstverständnis der Branche. Henrik Hahn kümmert sich um die Digitalisierung bei Evonik. Sein Fokus gilt den Kunden - und den Mitarbeitern des eigenen Konzerns.

Herr Dr. Hahn, viele Menschen denken bei Digitalisierung an Smartphone, Computer und Internet – aber Chemie? Was hat die damit zu tun?

Ohne chemische Industrie lässt sich Digitalisierung nicht verwirklichen. Die Branche macht es möglich, dass wir alle moderne Technik, Geräte und Datennetze im Alltag überhaupt nutzen können. Leiterplatinen, Handydisplays oder Speicherchips sind Beispiele für Alltagstechnologien, in denen eine Menge Kompetenz und Lösungen aus der chemischen Industrie stecken.

Das leuchtet ein, war aber bei vielen Produkten schon vor der Digitalisierung der Fall. Was also verändert sich durch sie?

Im Grunde genommen geht es immer noch darum, Dinge in unserem Alltag einfacher, schneller, besser oder gar automatisch zu erledigen. Die Digitalisierung ist dafür ein neues Werkzeug - extrem leistungsfähig und sehr vielseitig nutzbar. Wir können zum Beispiel durch Sensoren und digitale Daten vorab einschätzen, wann in einer Produktionsanlage eine Pumpe ihren Geist aufgeben wird. Wer das weiß, bestellt das nötige Ersatzteil rechtzeitig und baut es ein, bevor die Pumpe Schaden nimmt und die Produktion stoppt. Oder das Navi im Auto: Es leitet nicht nur von A nach B, sondern es hilft auch bei der Steuerung der Verkehrsströme, zeigt aktuelle Staus und sinnvolle Ausweichrouten.

Henrik Hahn
Henrik Hahn

Der Verfahrensingenieur Henrik Hahn ist seit 1999 bei Evonik und seit 2016 für die Digitalisierungsstrategie des Konzerns verantwortlich. Nach seinem Einstieg ins Unternehmen als Prozessingenieur mit Auslandsaufenthalten in den USA und Belgien ist er für den Konzern in verschiedenen Managementpositionen in den Bereichen Technologie und Innovation tätig gewesen. Zu seinen Aufgaben zählten u.a. Aufbau und Management eines Corporate-­Startups für die Entwicklung und Herstellung von Lithium-­Ionen-Batteriekomponenten. Schon während seiner Doktorarbeit auf dem Gebiet der Rheologie und Strömungsmechanik hat ihn das Thema Digitalisierung in Form von Datenanalyse und Modellierung umgetrieben. Zudem hat er sich im Rahmen eines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums mit informationsökonomischen Fragestellungen zum Thema Supply-Chain-Management sowie mathematischer Spieltheorie zum Kooperationsverhalten von Unternehmen beschäftigt.


Als Chief Digital Officer, also CDO, von Evonik können Sie sich dafür natürlich begeistern, aber muss die Welt nicht mal einen Haken hinter das Thema machen – umgesetzt, fertig?

Corona hat gezeigt, dass selbst führende Industrieländer ihre Hausaufgaben da längst noch nicht erledigt haben. Wahr ist allerdings auch, dass die Digitalisierung eine Daueraufgabe ist. Es gibt immer wieder neue Ideen, Anwendungsmöglichkeiten und Innovationen. Dadurch verändert sich weltweit der wirtschaftliche und gesellschaftliche Alltag. Das passiert nicht einmal kurz und heftig, sondern die Digitalisierung ist ein permanenter Prozess. Er bietet Evonik auch intern viele neue Chancen. Mit meinem Team kümmere ich mich konzernweit darum, dass wir diese Chancen erkennen, prüfen und sinnvoll nutzen, ohne dass wir dafür so etwas wie Exklusivität reklamieren wollen. Denn Digitalisierung betrifft im Endeffekt alle. Das heißt, auch jeder Mitarbeitende kann gute Ideen dazu haben.

Was bedeutet das in der Branche konkret?

Traditionell liefert die chemische Industrie den Kunden Produkte - sicher, zuverlässig und in konstant guter Qualität. Das wird so bleiben. Evonik will die Dinge aber besser machen. Wir schauen uns deshalb an vielen Stellen schon früh an, was geht, was nützlich ist und uns hilft, als Unternehmen erfolgreich zu bleiben. Evonik sieht Kundennähe als einen Schlüssel zum Erfolg - und die Digitalisierung bringt dafür ganz neue Möglichkeiten.

Die Industrie mutiert zum Dienstleister?

Nein, die Herstellung von chemischen Produkten bleibt für uns Kernaufgabe. Aber die Digitalisierung macht es darüber hinaus immer besser möglich, dem Kunden zum eigentlichen Produkt auch fachkundige und individuell auf ihn zugeschnittene Dienstleistungen anzubieten. Wir wollen den Erfolg unserer Kunden umfassend unterstützen. Dafür bieten sich nun zusätzliche, neue Wege der Interaktion miteinander an. Dazu gehören neben Produkt und Service auch ein partnerschaftlicher direkter Austausch mit Kunden und gemeinsame Innovationen.

Das bedeutet, trotz Digitalisierung kommunizieren in der Wirtschaft künftig nicht nur Computer miteinander?

Das Werkzeug Digitalisierung benutzt immer noch der Mensch, er steht weiterhin im Mittelpunkt - selbst da, wo die sogenannte Maschine-zu-Maschine-Kommunikation zum Einsatz kommt. Dafür engagieren sich auch unsere Personalexperten sehr. Evonik ist es wichtig, eine digitale und agile Kultur weiterzuentwickeln und zu stärken. Digitalisierung ist auch eine Lernreise, auf die möglichst viele Menschen mitgenommen werden sollten. Entscheidend ist eine intelligente Verknüpfung der neuen technischen Möglichkeiten mit gewohnten und vertrauten Abläufen. Auch durch die Digitalisierung erfindet niemand das Rad neu. Wir fahren damit nur besser.

Wo setzt Evonik da intern an? Welche Schwerpunkte gibt es?

Digitalisierung ist ein Querschnittsthema und betrifft tatsächlich alle Unternehmensbereiche. Deshalb ist es wichtig, zielgerichtet die starken Kompetenzen aller Fach- und Funktionsbereiche zusammenzubringen. Als CDO sehe ich mich da auch als Koordinator, Ratgeber und Brückenbauer. Es gibt bereits viele Projekte, auch auf verschiedenen Ebenen des Konzerns von Optimierungen in der Produktion über neue Angebote für die Aus- und Weiterbildung bis hin zur vorausschauenden Wartung von Anlagen oder auch digitale Assistenzsysteme in Forschung und Anwendungstechnik. Ein weiteres Stichwort ist die Blockchain: Sie soll durch Digitalisierung zum Beispiel Lieferungen und Zahlungen zwischen Unternehmen schnell und sicher erledigen. Das ist für Evonik interessant. Deshalb sind wir auch bei einem entsprechenden Erprobungsprojekt dabei.

Spielen digitale Handelsplattformen eine besondere Rolle?

E-Commerce und Plattform-Angebote mit umfangreichem Service sind auch für die chemische Industrie immer wichtiger. Es geht dabei um das digitale Kundenerlebnis: Welche großen Unterschiede es bei Einkaufsmöglichkeiten im Internet gibt, haben viele Menschen privat längst erlebt. Auch für Geschäfte zwischen Unternehmen zählen Aspekte wie Übersichtlichkeit, guter Service, Verlässlichkeit und individuell passende Angebote. Evonik hat das erkannt und dazu ein internes Programm gestartet. Wir wahren auf diese Weise Chancen. In China haben wir selbst einen Flagship-Store für Geschäftskunden auf dem Onlinehandelsmarkt 1688.com von Alibaba geschaffen. Das ist ein zusätzlicher und digitaler Zugang zu unseren Produkten. Kürzlich hat Evonik zudem in chembid investiert, die weltweit größte Suchmaschine und Market-Intelligence-Plattform für Chemikalien. Damit fördern wir die Entwicklung einer unabhängigen digitalen Verkaufsplattform für die chemische Industrie.

Derzeit ist viel von Künstlicher Intelligenz, kurz KI, die Rede. Ist das für Evonik ein Thema?

Natürlich. Wir engagieren uns beispielsweise in den USA beim Massachusetts Institute of Technology (MIT) für die praxisnahe Erforschung und Entwicklung von Künstlicher Intelligenz. Als weltweit erstes Unternehmen aus der chemischen Industrie partizipiert Evonik am MIT-IBM Watson AI Lab. Dort untersuchen internationale Experten aus dem universitären und industriellen Umfeld am MIT Campus iCambridge industrielle Nutzungsmöglichkeiten und Wirkungen künstlicher Intelligenz.

Worüber sollt Künstliche Intelligenz sich denn in einem Spezialchemie-Unternehmen Gedanken machen?

KI befasst sich mit lernfähigen Systemen. Ganz simpel: Wenn Sie morgens regelmäßig um 8 Uhr die Küchentür öffnen, das Radio einschalten, dann das Fenster öffnen und sich schließlich Kaffee aufsetzen, dann versteht eine Maschine mit KI das irgendwann. Sie hat die Struktur gelernt - und stellt Ihnen den fertigen Kaffee von sich aus genau rechtzeitig bereit. Selbstverständlich kann der Mensch immer noch eingreifen und etwas ändern. Bei Evonik schauen wir zum Beispiel, wie uns Künstliche Intelligenz in Forschung und Entwicklung unterstützen kann. Lernfähige digitale Systeme bieten neue Wege, um Forschungsprojekte zu simulieren und auszuwerten. Mit IBM verbindet uns bereits seit 2017 eine strategische Partnerschaft. Wir haben sie gerade verlängert. Gemeinsam ist es uns schon gelungen, einen großen und unübersichtlichen Datenbestand durch Algorithmen schnell und gezielt auszuwerten. Die digitale Unterstützung durch KI hat den Fachleuten also eine lange und mühsame Suche erspart. Zugleich hilft KI, neue Produkte im Bereich der Hochleistungskunststoffe schneller zu entwickeln.

Sie sind auch Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Evonik Digital GmbH. Ist das Ihr Team für besonders schwierige Fälle?

Das klingt gut. Es ist aber schon etwas anders. Evonik geht es konzernweit darum, überzeugende Lösungen aus der Digitalisierung einzuführen und zu nutzen. Diese Lösungen muss man aber vorher suchen und finden. Darum kümmert sich die Evonik Digital GmbH. Sie besteht aus einem Expertenteam, das schnell, flexibel und mit viel Freiraum ausgestattet ist. Da geht es also wesentlich stärker darum, neue Trends, Konzepte und Möglichkeiten in der Digitalisierungswelt zu erkennen und zu erproben. Evonik Digital ist deshalb eine Mischung aus Denkfabrik, Erprobungsstelle, Kooperationsbasis und nicht zuletzt Lernort: Wir schauen, was funktioniert, und was nicht. Der Konzern profitiert von den Erkenntnissen in beiden Fällen.