Evonik-Chef Christian Kullmann
Evonik-Chef Christian Kullmann
Unternehmen

"Wir sind ein wesentlicher Teil der Lösung"

Nachhaltigkeit und Chemie gehören für Christian Kullmann zusammen. Im Interview erklärt der Evonik-Chef, wie der Konzern das Leben der Menschen besser macht und dabei einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leistet.

Herr Kullmann, die Corona-Pandemie hat die Wirtschaft weltweit hart getroffen. Wie ist Evonik durch die Krise gekommen?

Spurlos geht diese Entwicklung auch an uns nicht vorbei. Im Vergleich zu Unternehmen anderer Industrien kommen wir allerdings ziemlich robust durch die Krise. Als Spezialchemie-Unternehmen sind wir besonders breit aufgestellt. Wir sind Entwickler und Lieferant für alle anderen Industrien. Wenn etwa Autohersteller weniger Fahrzeuge verkaufen, benötigen sie auch weniger Produkte von uns. Aus anderen Branchen, etwa Pharma und Kosmetik, ist die Nachfrage sogar gewachsen.

Womit beliefern sie denn die anderen Unternehmen?

Wir entwickeln Eigenschaften für die Produkte unserer Kunden, und zwar solche Eigenschaften, die über den Erfolg dieser Produkte entscheiden. Wir machen sie gesünder, stabiler, leichter, sparsamer. Unsere Produkte stecken in Autos und Windrädern, in Shampoo und Zahnpasta, in Tierfutter und in Medikamenten.

Woher wissen Ihre Entwickler, was Ihre Kunden brauchen?

Mit vielen unserer Kunden arbeiten wir seit langen Jahren eng zusammen, auch in Forschung und Entwicklung. Als Lösungsentwickler versuchen wir zudem frühzeitig zu antizipieren, was die Kunden unserer Kunden wollen. Dabei orientieren wir uns vor allem an der Nachhaltigkeit. Überall auf der Welt geht es heute darum, neue Lösungen zu finden, um weniger Ressourcen zu verbrauchen, die Umwelt geringer zu belasten und weniger CO₂ auszustoßen. Genau das ist die Grundlage unseres Geschäftsmodells: Wir machen die Produkte unserer Kunden nachhaltiger und gesünder. Das lohnt sich für unsere Kunden, und damit auch für uns.

Nachhaltigkeit und Chemie: Wie passt denn das zusammen?

Das passt perfekt zusammen. Wer entwickelt denn die Leichtbauteile für die Windräder? Und die Batterien für die Elektroautos? Und die Recycling-Verfahren für Kunststoffe? Das sind unsere Spezialisten! Früher war die chemische Industrie mit ihren Emissionen sicher auch ein Teil des Problems, heute sind wir der wesentliche Teil der Lösung. Die Chemie ist das Rückgrat der Nachhaltigkeit in sehr, sehr vielen Industrien. Allein wir bei Evonik investieren Jahr für Jahr gut 400 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung, um Lösungen zu finden für sauberes Wasser, gegen unfruchtbare Felder und gegen den Klimawandel. Dabei gehen wir bei Evonik weit über die Chemie hinaus. In unseren Laboren arbeiten neben Chemikern auch Biologen, Mediziner, Biotech-Experten und viele andere Spezialisten.

Christian Kullmann, seit 2017 Vorstandsvorsitzender von Evonik

In welchen Ländern forschen Sie denn?

Evonik ist ein internationales Unternehmen, wir sind in mehr als 100 Ländern aktiv. Die Schwerpunkte unserer Forschung und Entwicklung liegen ebenso in Amerika und Asien wie in Europa. Unsere Erfahrung lehrt: Die Nähe zum Kunden, die Nähe zum Markt, ist zwingend erforderlich, wenn man in den verschiedenen Regionen der Welt erfolgreich sein will. Das gilt auch für die Innovation.

Die Europäische Union hat sich ebenfalls der Nachhaltigkeit verschrieben, mit dem so genannten Green Deal.

Dieser „Green Deal“ birgt viele Chancen, gerade für innovative Unternehmen. Wenn es etwa darum geht, Energieverbrauch und Emissionen zu reduzieren, können wir mit unseren Produkten eine Menge dazu beitragen. Ich würde es allerdings begrüßen, wenn die EU-Kommission den „Green Deal“ zu einem „Sustainable Deal“ weiterentwickeln würde.

Warum?

Wer sich allein auf das Grüne besinnt, der springt zu kurz. Nachhaltigkeit ist mehr als nur der Schutz der natürlichen Ressourcen. Ein Konzept für Nachhaltigkeit kann nur erfolgreich sein, wenn ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gleichermaßen berücksichtigt werden. Die Herausforderung besteht darin, das Leben der Menschen besser zu machen und die Umwelt und das Klima zu schützen. Das ist unsere Überzeugung, das treibt uns an.

Aber Gewinne machen wollen Sie dabei auch, oder?

Selbstverständlich. Evonik ist hoch profitabel, und das ist gut so. Denn nur erfolgreiche, profitable Unternehmen haben die Stärke und die nötige Ausdauer, viel Geld in Forschung und Entwicklung zu investieren. Entscheidend sind am Ende aber immer die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wer die besten Frauen und Männer für sich gewinnen will, der muss ihnen auch etwas bieten. Und damit meine ich nicht nur ein gutes Gehalt. Die Menschen, die heute für Evonik arbeiten, wollen etwas erreichen, für sich und für andere. Sie wollen sich entwickeln, wollen neue Wege gehen und sie wollen die Gewissheit, etwas Sinnvolles zu tun. Das Engagement und die Überzeugung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist in der Corona-Krise besonders deutlich geworden. Alle haben mit angepackt. Dass wir heute so respektabel dastehen, ist eine echte Teamleistung. Dafür gebührt allen Beschäftigten mein aufrichtiger Dank!

Also geht Ihre Rechnung auf?

Der Erfolg gibt uns Recht. Aber auch wir haben schon Geld in Projekte investiert, die am Ende nicht erfolgreich waren. Auch wir haben wirtschaftliche Entwicklungen schon falsch eingeschätzt – und am Ende wird man dann immer ein bisschen klüger. Wir lernen aus unseren Fehlern. Und wir setzen uns ambitionierte Ziele: Bis 2025 wollen wir mehr als 1 Milliarde € zusätzlichen Umsatz in unseren sechs Innovationswachstumsfeldern erwirtschaften. Zugleich wollen wir im Vergleich zu 2008 unsere eigenen CO₂-Emissionen bis 2025 halbieren. Mit den Erfahrungen der vergangenen Jahre bin ich zuversichtlich, dass wir auch diese Ziele gemeinsam erreichen werden.

Evonik macht das Leben besser, Tag für Tag. Wir entwickeln Ideen, Produkte und Lösungen und sind dabei nah am Menschen, nah an unseren Kunden. Deren Produkte zu verbessern ist unser Antrieb – und unser Geschäft. Evonik stellt rund 4.000 Produkte her, und ständig kommen neue Entwicklungen dazu. Wir machen die Fischzucht nachhaltig, Autolacke kratzfest und Matratzen weicher. Das geht von der Mobilität über die erneuerbaren Energien, über den Bau und die Medizintechnik bis zur Landwirtschaft. Wo immer Sie leben und was immer Sie tun: Evonik ist dabei, denn Evonik macht Spezialchemie. Das bedeutet, dass wir uns darauf spezialisiert haben, für unsere Kunden zu forschen und zu entwickeln, um deren Produkte zu verbessern. Die Spezialchemie ist eine Schlüsselbranche, die ganz verschiedene Kompetenzen zusammenbringt, mit dem Ziel, das Leben der Menschen besser zu machen, und zwar heute ebenso wie morgen. Wir gehen in unseren Entwicklungen weit über die reine Chemie hinaus: in die Biotechnologie, die Medizin, die Physik. Die Spezialchemie von morgen muss mehr können als nur Chemie. Genau dafür steht unser Selbstverständnis „Leading beyond chemistry, to improve life today and tomorrow“.