Quelle: Evonik Industries/Konzernarchiv
Quelle: Evonik Industries/Konzernarchiv
Konzerngeschichte

Geschichte der Desinfektion

Tenside machen mehr als nur sauber

Seife benutzen die Menschen schon seit Jahrtausenden. Längst sind Tenside mehr als nur einfache Reinigungsmittel. Spezielle Vertreter dieser Stoffgruppe übernehmen inzwischen wichtige Aufgaben bei der Desinfektion von Räumen und Oberflächen – auch dank der Forschungsarbeiten von Evonik.

Das älteste Seifenrezept der Menschheit ist etwa 4.500 Jahre alt. In Keilschrift verewigt auf einem kleinen Tontäfelchen der Sumerer, überdauerte es die Zeiten: Man verkoche einen Liter Öl von Oliven mit der fünfeinhalbfache Menge Pottasche. Diese enthielt das notwendige Kali und wurde durch das Verbrennen von Palmholz gewonnen. Das entstehende Gemisch setzt die Oberflächenspannung des Wassers herab, so dass die fettlösende Lauge den Schmutz gut angreifen kann.

Erst im 14. und 15. Jahrhundert entwickelt sich das Handwerk der Seifensiederei, vorher wurde Seife wohl vor allem zu Hause hergestellt. Das Handwerk behält seine führende Rolle in der Seifenherstellung bis zum Anbruch des Industriezeitalters.

Der Beginn der Tensidchemie

Dem französischen Chemiker Michel Eugène Chevreul gelingt es zwischen 1811 und 1823, die Struktur der Seife, des ursprünglichsten Tensids, zu entschlüsseln. Damit legt er die Basis, den Zusammenhang zwischen molekularer Struktur und Reinigungswirkung der Seife zu verstehen und ebnet den Weg für die Tensid-Chemie. Insbesondere Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts synthetisieren Forscher zahlreiche weitere Substanzen mit ähnlichen tensidischen Eigenschaften.

Die Anzahl der Patente nimmt ab 1930 sprunghaft zu. Zahlreiche Chemieunternehmen beteiligen sich an einem rasanten Wettlauf um die Entwicklung immer besserer Tenside. Viele von ihnen investieren beträchtliche Summen in die neu entstehenden Märkte.

Im Sommer 1942 reicht die Th. Goldschmidt AG einen Patentantrag für ein „Körperreinigungsmittel“ ein. Der besonders milde Seifenersatz kommt als Tegolan auf den Markt.

Fünf Jahre später produziert das Unternehmen das erste Desinfektionsmittel auf Basis amphoterer Tenside, zunächst nur für den Einsatz bei Operationen in Krankenhäusern. Der Durchbruch kommt 1949/50: Nachdem erkannt wird, dass das TEGO® 103 genannte Produkt auch gegen Schimmelpilze wirkt, wird es massenhaft in Waschkauen eingesetzt, insbesondere im Bergbau. Der Produkterfolg verleiht der Tensidforschung bei Goldschmidt einen enormen Schub. Dank einer wachsenden Produktpalette entwickelt sich das Unternehmen in den 1950er Jahren in kurzer Zeit zum Marktführer in Deutschland für die Flächenhygiene. Die Produkte werden etwa in Großküchen, Krankenhäusern und Schwimmbädern oder bei der Desinfektion von Lebensmittelbehältern genutzt.

In der Folge wird das Geschäft weiter internationalisiert. Eigene Zumischgeräte und Dosierzentralen sowie ein ausgefeilter Vor-Ort-Service runden das Angebot ab. Erst in den 1980er Jahren schmälert eine immer stärker werdende Konkurrenz die Erlöse. Zwischen 1991 und 1995 verkauft das Unternehmen Goldschmidt seine Hygieneaktivitäten schrittweise, bleibt aber ein wichtiger Hersteller von amphoteren Tensiden für Dritte.

Schutz vor kontaminierten Oberflächen

2012 stellt Evonik REWOCID® WK 30 vor: ein amphoteres Tensid, das sowohl reinigende als auch desinfizierende Eigenschaften in sich vereint. Da sich der Wirkstoff N-Alkyl-Aminopropyl-Glycin gut mit anderen Tensiden verträgt und auch bei hartem Wasser seine Wirkung nicht verliert, wird REWOCID® rasch zu einem wichtigen Inhaltsstoff für Desinfektionsreiniger, die in Haushalt oder Industrie eingesetzt werden. Im Zuge der Corona-Pandemie 2019/2020 nutzen beispielsweise auch Krankenhäuser in der chinesischen Region Hubei das Mittel, um Patienten und Ärzte vor kontaminierten Oberflächen zu schützen.