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Pressemitteilung

Teil 2: Dr. Meyer Wildermann und das Wildermannsche Verfahren

Mit dem Bau einer Chlorelektrolyse begann vor 100 Jahren die Geschichte des heutigen Standortes in Lülsdorf von Evonik.

Einer der Geburtshelfer des heutigen Standortes von Evonik in Lülsdorf ist Dr. Meyer Wildermann. Der Chemiker entwickelte 1910 ein Verfahren zur Erzeugung von Kalilauge und Chlorprodukten. Zusammen mit dem Investor Hugo Stinnes (Teil 1 unserer Serie) strebte er die industrielle Produktion von Ätzkali an. Schon bald wurde ihr gemeinsames Vorhaben in die Tat umgesetzt: die Geschäftspartner gründeten 1912 die „Deutsche Wildermann Werke Chemische Fabriken GmbH“.

Erwerb des Grundstücks und Bau des Werkes
Nachdem wegen der guten Lage am Rhein und der Nähe zu einigen Stromlieferanten die Entscheidung für den Standort Lülsdorf gefallen war, wurde Dr. Willy Hinniger zum ersten Geschäftsführer der Deutschen Wildermann-Werke ernannt und mit dem Erwerb der Grundstücke beauftragt.

Der größte Teil des in Frage kommenden Geländes gehörte damals dem Gutsbesitzer Caspar Schäferhoff aus Lülsdorf. Die zur Errichtung der Produktionsstätte vorgesehene Fläche war unbebaut und wurde landwirtschaftlich genutzt. Schäferhoff war Ortsvorsteher von Lülsdorf, Mitglied des Kreistags, im Aufsichtsrat der Kreissparkasse Siegburg und hatte den Weitblick, die Pläne zur Industrieansiedlung zu unterstützen.

Am 14. Januar 1913 wurde der Kaufvertrag zwischen den Deutschen Wildermann Werken und dem Gutsbesitzer Caspar Schäferhoff aus Lülsdorf sowie dem Gutsbesitzer Fritz Kader aus Urfeld abgeschlossen. Die Grundstücksfläche betrug rund 54 Hektar Land, der Kaufpreis einschließlich Pächter-Entschädigung 665.211,80 Mark. Der Aufbau des Werkes wurde von Hinniger geleitet, Wildermann lieferte das technische Know-How.

Obwohl die meisten Bewohner der umliegenden Orte Lülsdorf, Ranzel und Niederkassel in ärmlichen Verhältnissen lebten, standen sie dem Bau des Chemiewerks anfänglich ablehnend gegenüber. Die meisten der ersten Mitarbeiter kamen daher zunächst noch aus Rheidt. Auch nach Inbetriebnahme der ersten Produktionsstätten legte sich der Unmut nur langsam, da der Betrieb der neuen Anlagen nicht selten starke Geruchsbelästigungen verursachte. Doch nach und nach waren die Anwohner überzeugt, dass der Industriebetrieb für die gesamte Region von großem Nutzen ist.

Dr. Meyer Wildermann entwickelte ein Verfahren zur Herstellung von Kalilauge und Chlorprodukten.

Dr. Meyer Wildermann entwickelte ein Verfahren zur Herstellung von Kalilauge und Chlorprodukten.

Wer war Wildermann?
Wildermann stammte ursprünglich aus Odessa am Schwarzen Meer. Nach der Errichtung des Werkes zog der Wissenschaftler im Frühjahr 1914 mit seiner Familie von London nach Lülsdorf und fand dort Quartier im Kloster Niederkassel. Wildermann galt als ein eher unbequemer und rechthaberischer Mensch, wie seine zahllosen Briefe an Stinnes belegen. Darin beschwerte er sich schon zu Beginn der Aufbauarbeiten in Lülsdorf über die mangelhafte Qualifikation der Mitarbeiter, unregelmäßige Stromlieferungen oder unklare Kompetenzverteilung in der Unternehmensführung. Stinnes verlor nach und nach die Geduld und verbat sich eine Einmischung. Auch der Aufsichtsrat sah im Jahre 1915 in Wildermann die Ursache für die Startschwierigkeiten des Werkes.

Die Patentschrift zur Wildermannzelle: 1902 meldete der Wissenschaftler sein Verfahren zum Patent an.

Die Patentschrift zur Wildermannzelle: 1902 meldete der Wissenschaftler sein Verfahren zum Patent an.

Das Wildermannsche Verfahren
Das Verfahren zur Erzeugung von Lauge und Chlorprodukten fand in der sogenannten Wildermann-Zelle seinen zentralen Kern. Die Wildermann-Zelle war ein vertikales Quecksilberzellen-System mit ruhendem Quecksilber. In der Elektrolyse-Zelle wurde mittels Gleichstrom Kali- bzw. Natronsalz elektrochemisch zersetzt. Dabei gewann man Chlor, Kali- bzw. Natronlauge und Wasserstoff. In der Eindampfung wurden dann die Laugen durch Verdampfen von Wasser aufkonzentriert. In der Einschmelze verdampfte man schließlich noch anhaftendes Kristallwasser . Die Zielprodukte waren Ätzkali bzw. Ätznatron. Das in Lülsdorf hergestellte Ätzkaliwurde beispielsweise für die Herstellung von Glas oder Schmierseifen benötigt. Aber auch die Farbenindustrie war ein großer Abnehmer.

Kontakt

Hans-Peter Lülsdorf

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