Quelle: Evonik Industries/Konzernarchiv
Quelle: Evonik Industries/Konzernarchiv
Oxidations- und Reinigungsmittel 

Geschichte der Desinfektion

Die Karriere der Peroxide

Als Desinfektionsmittel sind Peroxide heutzutage unverzichtbar. Bis sich diese Erkenntnis durchgesetzt hat, war es ein steiniger Weg. Evonik und seine Vorgängerunternehmen sind seit den Anfängen dabei.

Als erstem gelingt es dem französischen Chemiker Jacques Thénard 1818 Wasserstoffperoxid durch Reaktion von Bariumperoxid mit Salpetersäure herzustellen. Auch Peroxyessigsäure war schon bekannt, kurz nachdem Wasserstoffperoxid im Labor hergestellt werden konnte.

Die Produktion der Stoffe ist mit den Mitteln der damaligen Zeit jedoch schwierig: Schon kleinste Spuren von Schwermetallen oder organischen Reststoffen können zu heftig verlaufenden Zerfallsreaktionen führen. Immer wieder kommt es in Laboratorien zu Unfällen.

Der Einsatz des „oxygenierten Wassers“ beschränkt sich Anfang des 19. Jahrhunderts daher auf wenige Spezialgebiete: Alte Gemälde, bei denen das enthaltene Bleiweiß durch Reaktion mit Schwefelwasserstoff geschwärzt wurde, lassen sich damit aufhellen.

Wasserstoffperoxid wird Desinfektionsmittel

In der Medizin dient Wasserstoffperoxid zunächst nur als Reizstoff für die äußere Anwendung. 1858 schildert der englische Arzt Benjamin Ward Richardson in der Fachzeitschrift The Lancet, dass Wasserstoffperoxid in der Lage sei, üble Gerüche zu beseitigen. Er schlägt vor, man solle es als Desinfektionsmittel verwenden. Tatsächlich kommt einige Jahre später eine niedrig dosierte Wasserstoffperoxid-Lösung auf den Markt, die unter dem Handelsnamen Sanitas genau für diesen Zweck vermarktet wird. Mit ihr sollen Vorräte konserviert und auch öffentliche Toiletten gereinigt werden können.

Dem deutschen Chemiker Richard Wolffenstein gelingt es 1894 als erstem, reines Wasserstoffperoxid per Vakuumdestillation zu gewinnen.

1906 erwirbt Otto Margulies, der Gründer der Österreichischen Chemischen Werke (ÖCW), ein Patent zur Herstellung von Wasserstoffperoxid auf elektrochemischem Weg. Rund vier Jahre später, im Januar 1910, geht die erste elektrolytische Wasserstoffperoxid-Fabrik der Welt in Betrieb. Mit dem neuen bahnbrechenden Verfahren kann erstmals hochkonzentriertes Wasserstoffperoxid (30 Prozent) industriell hergestellt werden.

Mit ihrer besseren Verfügbarkeit beginnt der Siegeszug der Peroxide. Zwar liefern frühe Versuche, Wasserstoffperoxid als Mittel zur Wunddesinfektion zu nutzen, keine befriedigenden Ergebnisse. Jedoch wird es als ideal angesehen, Milch und Wasser zu konservieren (1913) oder Trinkschokolade (1927) zu sterilisieren.

Um 1930 gelingt erstmals auch die industrielle Herstellung von Peressigsäure. Den kommerziellen Durchbruch erlebt die hochreaktive Substanz Jahrzehnte später. Denn erst seit den 1960er Jahren machen Kunststoffgefäße Transport und Lagerung einfacher und sicherer.

Neue Produktionsverfahren, neue Anwendungsgebiete

Von 1965 an stellt die damalige Degussa ihre Produktion für Wasserstoffperoxid um. Statt elektrolytisch wird der Stoff nun in einem organischen Medium hergestellt. Das sogenannte Anthrachinon-Verfahren avanciert zum weltweiten Standard.

In den 1970er Jahren beginnen Versuche, Wasserstoffperoxid-Bäder als erstes nichtthermisches Verfahren für die Desinfektion von Kontaktlinsen zu nutzen. 1983 schließlich lässt die US-amerikanische Aufsichtsbehörde FDA das erste solche Mittel zu. 1989 wird das erste Patent für ein Zahnaufhellungsgel auf Wasserstoffperoxid­Basis angemeldet.

In Reaktion auf die pandemische Ausbreitung von SARS-CoV2 veröffentlicht die Weltgesundheitsorganisation 2020 eine Empfehlung zur Herstellung von alkoholischen Handdesinfektionsmitteln. Diesen solle Wasserstoffperoxid beigemischt werden, um ein Verkeimen der Lösung zu verhindern.

Peressigsäure bewährt sich in dieser Zeit als Mittel zur Wischdesinfektion von Räumen oder Verkehrsmitteln. Es wirkt schnell und zuverlässig und ist besonders umweltfreundlich, da es nach Anwendung nur zu Wasser und CO2 zerfällt.