Quelle: Michael Treu/Pixabay
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Publikationen

Geschichte der Desinfektion

Das Jahrhundert der Hygiene

Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Hygiene: Überall blitzt und blinkt es. In der Medizin werden Sterilisatoren, Sterilgüter und Desinfektionsmittel routinemäßig eingesetzt.

Dank Fortschritten in der Medizin und den Naturwissenschaften gewinnt die Menschheit immer häufiger den Kampf gegen krankmachende Keime.

1885 war es der deutsche Arzt Ernst von Bergmann, der erstmals Dampf benutzte, um chirurgische Verbände zu sterilisieren. Anfang der 1930er Jahre führten US-amerikanische Firmen schließlich die ersten modernen temperaturgeführten Dampfsterilisatoren ein.

Chemikalien für die Desinfektion

Bereits 1858 beobachtete der englische Arzt Benjamin Ward Richardson, dass Wasserstoffperoxid in der Lage ist, üble Gerüche zu beseitigen und schlug es als Desinfektionsmittel vor. Tatsächlich wurde der Stoff einige Jahre später unter dem Namen „Sanitas“ zu genau diesem Zweck vermarktet.

Die Herstellung des Peroxids gestaltete sich jedoch schwierig. Das änderte sich erst 1910, als in Weißenstein die erste elektrolytische Wasserstoffperoxid-Fabrik der Welt in Betrieb ging. Mit dem neuen bahnbrechenden Verfahren ließ sich erstmals hochkonzentriertes Wasserstoffperoxid in industriellem Maßstab herstellen. Weißenstein wurde die Keimzelle der Wasserstoffperoxid-Aktivitäten der Degussa, einem Vorgängerunternehmen von Evonik. Bis heute gehört das Essener Spezialchemieunternehmen zu den führenden Produzenten von Wasserstoffperoxid.

Immer mehr Chemikalien werden im 20. Jahrhundert genutzt, um Keime abzutöten:

Ozon ist das erste Oxidationsmittel, das Eingang in die Trinkwasserentkeimung gefunden hat. Bereits 1906 wurde das Wasser der Stadt Nizza damit behandelt.

Gewürze werden mit Ethylenoxid begast, um sie zu sterilisieren. Ein entsprechendes Verfahren ließ sich 1938 der amerikanische Chemiker Lloyd Hall patentieren.

Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv, CH-BAR#E27#1000/721#14095#4265*
Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv, CH-BAR#E27#1000/721#14095#4265*

Apparat zur Sterilisierung der Operationsinstrumente im Verwaltungsgebäude der Schweizerischen Kranken- und Hilfsanstalt, 1914-1918

Für die chirurgische Händedesinfektion setzten die Ärzte zu dieser Zeit noch auf Tauchbäder mit Sublimat (Quecksilber(II)-chlorid) oder Carbol (Phenol). Erst Ende der 1940er Jahre begannen sich Präparate auf Alkoholbasis durchzusetzen. 1965 gab der Hamburger Herzchirurg Peter Kalmár den Anstoß für die Entwicklung des ersten alkoholbasierten und hautfreundlichen Desinfektionsmittels, das ohne Wasser und Seife auskommt.

Von der Waschkaue in den OP

Im Mai 1947 gelang dem Essener Chemieunternehmen Goldschmidt erstmals die Herstellung eines Desinfektionsmittels auf Basis amphoterer Tenside. Als TEGO® 103 wurde es von Ende der 1940er Jahre an ein großer Markterfolg. Die Produktpalette wurde sukzessive erweitert, das Unternehmen avancierte in kurzer Zeit Marktführer für die Flächenhygiene beispielsweise in Großküchen, Krankenhäusern oder Schwimmbädern beziehungsweise bei der Desinfektion von Lebensmittelbehältern. In den 1990ern wurden die Aktivitäten im Bereich Humanhygiene zwar verkauft, das Nachfolgeunternehmen Evonik stellt aber bis heute noch amphotere Tenside für die Reinigung und Desinfektion von Oberflächen her.